Stoppt die Vorratsdatenspeicherung! Jetzt klicken &handeln! Willst du auch an der Aktion teilnehmen? Hier findest du alle relevanten Infos
und Materialien:

Start

Der große Kurator

“Kunst kommt von Können und nicht von Wollen, sonst hieße sie ja Wulst”, lautet ein bekanntes Wortspiel (laut Wikipedia von einem heute vergessenen Bühnenautor namens Ludwig Fulda). Wovon aber kommt dann “Kurator”? Von couragiert?

Die diesjährige 24-Stunden-Ausstellung kann sich durchaus mit den 14 vorhergehenden messen. In gerade einmal sechs Wochen hat es ein kleines Team geschafft, mit null Budget eine Ausstellung zu organisieren, an der sich rund 50 Künstler beteiligt haben, über die die hiesigen Lokalmedien wohlwollend vor- und nachberichtet haben und zu der sich in der ansonsten eher mäßig beleumundeten Georg-Schwarz-Straße in Lindenau eine beachtliche Zahl an Zuschauern einfand.

Sicher hätte manches besser laufen oder gemacht werden können; das Flaggschiff des hiesigen Kunstschaffens, die HGB, war diesmal mangels Anknüpfungspunkten nicht so sehr vertreten, und auch einige “Namen” der vorher gehenden Ausstellungen konnten aus diesem oder jenen Grund diesmal nicht als Teilnehmer gewonnen werden.

Dennoch - das Besondere der 24-Stunden-Ausstellungen, nämlich dass leere, langweilige Altbauten für eine vergängliche Phase einen ganz eigenen Charme ausstrahlen, hat auch dieses Mal wieder gegriffen. Wenn Kochnischen zu Kunsträumen, Abstellkammern zu Ateliers, verwaiste Wohnzimmer zu White Cubes werden und Fotografien den Flur veredeln, hat nicht nur der Meister der Alliteration zugeschlagen, sondern vor allem zeigt sich, dass Kunst eben nicht nur in Galerien und Museen stattzufinden hat.

Inzwischen ist auch der Ausstellungskatalog online, der die Vielfalt der Exponate zeigt, auch wenn man die Atmosphäre erlebt haben muss - die lässt sich nun einmal nicht in virtuelle Dosen füllen. Und es zeigt sich auch, dass das Prinzip “Jeder kann mitmachen” bei einer Ausstellung von diesen Ausmaßen ein Ansatz ist, bei dem es eigentlich nur Gewinner gibt. Man muss eben kein HGB-diplomierter, staatlich zugelassener und wissenschaftlich gefestigter Kunstschaffender sein, um mal seine Werke auszustellen; man muss eben kein bildungsbürgerlich-elitärer Schlipsschnösel mit überteuerten Bildbänden im Bücherregal sowie hohem Erklärungs- bzw. Abstraktionsvermögen und Name-Dropping-Wissen sein und/oder 15 Euro Eintritt pro Nase latzen, um sich zu einer Kunstausstellung zu trauen; und, vor allem, man ist weiß Gott nicht dazu verpflichtet, alles zu verstehen oder gar gut zu finden.

Schönheit entsteht im Auge des Betrachters - wer ist man also, sich anzumaßen darüber zu entscheiden, was nun der öffentlichen Präsentation wert ist oder nicht? Man kann bestimmte grundsätzliche Spielregeln aufstellen: ein Motto ausrufen und darauf achten bzw. sich erklären lassen, dass das Exponat zu diesem Motto passt; man kann darauf bestehen, dass Exponate nicht stinken, von ihnen keine Gesundheitsgefährdung ausgeht, sie “jugendfrei” sind und der Ausstellungsraum hinterher nicht grundrenoviert werden muss. Doch alles, was darüber hinaus geht, ist streng subjektiv, da hilft auch kein semesterlanges Studium bei Großkopferten an wohlbeleumundeten Universitäten und kein eigenes Oeuvre von hier bis zum Horizont.

Wat dem een sin Uhl, is dem ünnern sin Nachtigal: bloß, weil ich etwas nicht verstehe und nicht gerade überzeugend finde, heißt das noch lange nicht, das alle anderen Betrachter genau so zu denken haben; bloß, weil Professor Doktor Diplomkünstler Heinrich Kartoffelbrei ein Werk für wertvoll und epochal befindet oder der Urheber in den renommiertesten Galerien Leipzigs, Berlins und Lüdenscheids ausstellt, bedeutet das nicht, dass ich es gut finden muss; und im Umkehrschluss auch: wenn mich ein Werk anspricht und emotional berührt, möchte ich von keinem neunmalklugen Kunstkenner ein Ohr abgekaut bekommen, weshalb das ja nun mal gar keine Kunst wäre.

“Das kann ich auch”, oder, noch schlimmer, “Das hätte mein sechsjähriges Kind auch so hinbekommen”, sind hingegen absolute No-Go-Floskeln. Das kann man sich zwar denken, den die Gedanken sind erstaunlicherweise noch frei. Aussprechen sollte man es aber nicht, denn schließlich wäre man selbst oder das Gespons gar nicht auf die Idee gekommen, zu derartigen Leistungen angeblich in der Lage zu sein, hätte man nicht das Vorbild gesehen. Hinterher ist man immer klüger, könnte ein Pinkelbecken signieren und falsch herum an die Wand hängen, banale Alltagsgegenstände fotografieren oder Leinwände großflächig einfarbig anmalen. Man hat es aber nicht getan - und genau das ist der Unterschied!

Zudem ist es den Kunstschaffenden gegenüber ungerecht. Was bewegt einen denn dazu, mit dem Fotoapparat durch die Gegend zu ziehen oder viel Geld für Leinwand und Farbe bei Boesner auf den Tisch zu legen oder Stunden um Stunden damit zuzubringen, Skulpturen zusammenzuschweißen? Geltungsdrang? Eitelkeit? Langeweile? Oder steckt nicht meistens eher doch einfach der Wunsch dahinter, etwas zum Ausdruck zu bringen - ein bestimmtes Gefühl, ein Statement oder eine besondere Sicht auf die Welt? Zum Nachdenken anzuregen, Gleichgesinnte zu suchen, bei den Betrachtern Freude (oder meinetwegen auch Abscheu - eben Emotionen) zu wecken?

Inwieweit dieses Ansinnen von Erfolg gekrönt ist, hängt dann auch weniger von der verwendeten Technik ab als vielmehr von dem Individuum, das sich das Werk anschaut. Der eine kann mit dünnen, abstrakten Bleistiftstrichen etwas anfangen, der andere hängt sich den Klischee gewordenen röhrenden Hirschen über Sofa und hat daran seine Freude. Kann er doch haben! Solange der Hirschfreund mir nicht vorschreibt, dergleichen ebenfalls gut zu finden. Ich verlange ja auch nicht, dass jeder mit meinen Fotos etwas anfangen kann. Mir bedeuten sie etwas, ich habe mir (meistens) etwas dabei gedacht, und wer darin nur dilettantisches Geknipse sieht - sei’s drum, solange ihm bewusst ist, dass er weder der globale Maßstab ist, noch im Besitz der allgültigen Wahrheit und Weisheit ist. Ein Jeder möge nach seiner Façon glücklich werden!

Kunst kommt von Können? Auf jeden Fall - nämlich tolerieren können. Wer das nicht kann, der kann auch keine Kunst - weder konsumieren noch produzieren. Ende der Durchsage.

Zurück