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Kampagnenjournalismus, powered by Deutsche Bahn

Die Bahn, der ICE und das Wetter. Da kocht (!) die Volksseele hoch, man echauffiert (!) sich über das Versagen der Klimaanlage in dem eh schon angeschlagenen Prestigeobjekt deutscher Ingenieurskunst, es werden hitzige (!) Debatten geführt. Kabarettisten und Karikaturisten erwärmen (!) sich für das Sujet, und die Medien von Bild bis Tagesschau lässt das Thema natürlich auch nicht, genau: kalt.

Bahn-Bashing geht eben immer. Ein teilprivatisierter Staatskonzern, der etwas zu gierig auf den Börsengang schielte, dessen Vorstandsvorsitzenden jeweils der Ehren(?)name "Bahnchef" statt eines normalen Vornamens verliehen wird und der sowieso schon übel beleumundet ist (zu teuer, immer zu spät, zu unflexibel etc.) - da hat man ein prima Feindbild, da sind sich alle einig. Und was tut die Bahn? Unterstützt die Nörglerfraktion noch, in dem sie sich absolut berechenbar nach  Schema F verhält: erst einmal abwiegeln, kleinreden, als Einzelfall darstellen und Probleme nach Salamitaktik scheibchenweise eingestehen - immer in Reaktion auf neue "Enthüllungen" und "Skandale" durch die Qualitätsjournalisten™, niemals von sich aus.

Was hätte sich die Bahn denn vergeben, wenn ein Sprecher von vornherein gesagt hätte: "Ja, wir wissen, dass die Klimatechnik der ICEs nicht ganz ausgereift ist. Wir haben das Problem schon 2006 nicht in den Griff bekommen, werden jetzt aber sofort eine Task Force einrichten und Experten aus Regionen hinzuziehen, bei denen schon länger als hierzulande Temperaturen von über 30 Grad an der Tagesordnung sind. Wir werden unverzüglich das Zugpersonal briefen und für Notfälle Trinkwasser und Ventilatoren in allen ICEs mitführen."? Das wäre professionelle Krisenkommunikation gewesen: Problem erkennen, Lösung benennen.

Stattdessen Herumlavieren und den Populisten eine Steilvorlage nach der anderen servieren. Als Gipfel der Geschmack- und Instinktlosigkeit darf man die angebotene Entschädigung bezeichnen: einen Reisegutschein.  Wie viel Realitätsabstand ist eigentlich Einstellungsvoraussetzung fürs obere Management? Einen Reisegutschein für geröstete ICE-Passagiere - das ist doch, wie wenn ich mir im Restaurant den Magen verderbe und als Wiedergutmachung einen Verzehrbon von eben diesem Etablissement erhalte. Prost Mahlzeit, verzichte dankend.

So eiert die Bahn dann weiter herum, woraufhin sich prompt die SPD berufen fühlt, einen Bundestagsuntersuchungsausschuss einzufordern. Gran-di-os. Weil die Bahn früher mal Bundesbahn hieß oder was? Haben die echt nichts Besseres zu tun - oder erhofft sich auch nur irgend einer von den Volksvertreterdarstellern da irgend ein "echtes"  Resultat? Symbolpolitik aus der untersten Schublade, Wir-tun-was-Placebos und Aktivismusvortäuschung ist das und nichts anderes. Oder was bitte ist der Nutzen, wenn sich verkalkte Parteisoldaten und selbst ernannte Nahverkehrsexperten auf Steuerzahlerkosten zusammenhocken, um dann in sechs Monaten, wenn schon längst welkes Laub den Zugverkehr behindert, irgendwelche Entschließungen oder unpraktikable Lösungen zu verlautbaren, für die sich längst keine Sau mehr interessiert?

Aber so muss das wohl sein in einem Land, in dem Fußballspieler das Bundesverdienstkreuz erhalten und farblose, austauschbare Provinzpolitiker auf zweifelhafte Weise zum Bundespräsidenten  gekürt werden. Da regt sich ja auch keiner auf - muss ja auch nicht, man kann ja auf der Bahn herumhacken. Mein Gott Walter, muss es uns gut gehen, wenn so ein Thema tagelang die Titelseiten beherrscht.

Da möchte man nur noch ganz weit weg fahren - allerdings nicht unbedingt mit der Bahn.
 

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