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Mittelgebirge, mittelgroß
Was tut man bei 30++°C im Schatten? Nach Ecken suchen, wo's vielleicht kühler ist. Wenn sich diese Ecken nach oben wölben, nennt man sie Gebirge.
Gar nicht mal so weit (ca. 140 Autobahnkilometer) von Leipzig entfernt liegt ein Höhenzug mit dem zu grottigen Kalauern einladenden Namen "Kyffhäuser". Klingt irgendwie nach Wagneroper, auf jeden Fall hatte man Ende des 19. Jahrhunderts nichts besseres zu tun, als ein paar Burgruinen um ein schwülstiges Nationaldenkmal zu erweitern.
Selbiges, zu Ehren Wilhelm 1 hochgezogene Monument steht nun weithin sichtbar am östlichen Ende des gerade mal 19x7 km großen Mittelgebirges. (Was sind eigentlich die weiteren Gebirgsdeklinationen? Kleingebirge, Großgebirge?) Ein Reisebus- und Spießeraudi-kompatibler Weg führt zum Großparkplatz am Fuße des bedeutungsschwangeren Denkmals (Kyffhäuserbund, blabla würg), man kann aber auch seinen fahrbaren Untersatz in Tilleda abwerfen und sich auf verschlungenen Pfaden durch nahrhafte Streuobstwiesen (ich sag nur Kirschen!) nach oben kämpfen.
Dortselbst kann zunächst die Unterburg für umme besichtigt werden. Kein Wunder, dass die dafür kein Geld verlangen, ist das Gemäuer doch schon seit dem 16. Jahrhundert nur noch eine Ruine. Aus irgendwelchen Gründen, die man sicherlich in Wikipedia in Erfahrung bringen kann, sind aber die Unterburgreste im Ggs. zur Mittelburg nicht zu Mühlsteinen und Bauernkaten zweitverwertet worden und geben ein recht pittoreskes Panorama ab.
Nach gebührender Inaugenscheinnahme geht es dann durch die Reste der Mittelburg hinauf zum Standort der Oberburg. Von der ist aber nur noch der Barbarossaturm erhalten, der eher an einen hohlen Zahn gemahnt. Stattdessen steht dort nun das für sechs Euro zu besichtigende schwülstige Nationaldenkmal, das vom gleichen Spezialexperten verbro... entwurfen wurde wie das hiesige Völker-Schlacht-Denkmal. Während also die Städte exponentiell wuchsen und Wohnblocks hauptsächlich aus Sand und Ried zusammengeklatscht wurden, wusste man also mit Kilotonnen roten Sandsteins und tausenden Stunden Arbeitskraft nichts besseres anzufangen, als ein klobiges Denkmal in der Mitte vom Nirgendwo hochzuziehen.
Das war dann natürlich schon bald Dreh-, Angel- und Anlaufpunkt national, nationalistisch oder völkisch denkender Heerscharen - kein Wunder, dass ausgerechnet 1934-1938 umfangreiche Ausgrabungsarbeiten stattfanden, um die rumhreiche Ritterburgsvergangenheit propagandistisch wirksam zu Tage zu fördern, auf die die Betreiber der Anlage offenbar heute noch stolz sind. Unverständlicherweise wurde der Trumm nicht nur auch in sozialistischer Zeit nicht geschleift, sondern erfreute sich vielmehr auch unter Walter und Erich immensem touristischen Interesses.
Aufs Denkmal kann man hochsteigen, aber eine Wendeltreppe mit verhältnismäßig freiem Blick in die Eingeweide der Schwülststele und nur ein filigranes Eisengeländer bremsten mich überraschend schnell aus, sodass ich mich mit dem Ausblick vom gefahrlos bzw. höhenkollerkompatibel erreichbarem Zwischengeschoss begnügte. Ich äugte noch in den Burgbrunnen, der anno dunnemals 176m ins Gestein hineingetrieben wurde und verließ dann wieder den Point of Interest.
An den Kyffhäuser quasi rangeklatscht liegt ein Nest mit dem drolligen Namen Tilleda. Für 4 Euro hätte man eine Rekonstruktion der Kaiserpfalz anschauen können, richtig mit Hütten und Türmen und so, aber ich stellte fest, dass ich in wohl einmal zu oft nach Molfsee oder Haithabu geschleppt worden bin und entsagte der Ahnenkunde. (Ist ja sowieso nicht aus der Meerwinck- bzw. Merowingerzeit*, das war die andere Clique, die Staufen, die da gepfalzt haben.)
Stattdessen schaute ich mir noch das Dorf an - ein Freilichtmuseum für eine thüringische Spielart der sozialistischen Dorfästhetik: In dem - nun ja, tendenziell doch eher öden Kaff scheint ein Wettbewerb ausgerufen worden zu sein, möglichst viele bizarre Pflanzschalen und Blumenarrangements auf den Straßen zu verteilen.
Anschließend fuhr ich noch das Kradfahrereldorado entlang, nämlich die B86 zwischen Kelbra und Bad Frankenhausen. Merke: Anzahl und Enge von Haarnadelkurven verhalten sich proportional zur Menge der dort aus purem Daffke herumkurvenden Motorradfahrer. Damit es nicht zu einfach ist, wird die Geschwindigkeit zwar nicht begrenzt, dafür ist aber auf der Mitte des Anstiegs ein Polzeiparkplatz, auf dem 2 Ordnungshüter Gewehr bzw. BMW-Maschine bei Fuß auf Rüpel und Drängler lauern. Ich eierte aber zwangsläufig brav mit 36 km/h hinter einem silbernen Passat Variant die Kurven hoch.
In Artern tankte ich, wonach es dem Kleinauto wohl auch etwas zu heiß war und es erst nicht so recht wieder anspringen wollte. Dann berappelte es sich aber, sodass ich dann fröhlich die Klimakastrophe beschleunigend wieder zurückbratzen konnte.
Fotos vom Gebirge gibt's natürlich auch: hier und hier.
*) Namenskundler vor! Ich bin ja der festen Überzeugung, dass es da etymologische Zusammenhänge gibt. Man beweise mir das Gegenteil.
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